17
Feb
2012
Gemeinsame Pressemitteilung des Berufsverband Feuerwehr und der Deutschen Umwelthilfe

Klima- oder gesundheitsschädliche Kältemittel: Mensch und
Umwelt weiter Versuchskaninchen für die Autoindustrie
Die Autoindustrie setzt in Klimaanlagen weiterhin auf Klimakiller und gefährliche
Chemiecocktails und umgeht EU-Vorgaben – Berufsverband der Feuerwehren
beklagt ungeklärte Sicherheitsrisiken beim Kältemittel 1234yf für Rettungskräfte
und Insassen bei Unfällen – DUH fordert von Autoherstellern und
Behörden Verzicht auf die gefährliche Chemikalie 1234yf und die kurzfristige
Einführung natürlicher Kältemittel

Berlin, 15. Februar 2012: Die seit Januar 2011 EU-weit vorgeschriebene Einführung eines umweltfreundlichen Kältemittels für Klimaanlagen neuer Pkw-Modelle findet auch im zweiten
Jahr des Verbots klimaschädlicher Mittel nicht statt. Zu diesem Ergebnis kommt die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) in einer Umfrage unter Automobilherstellern (siehe Tabelle).

 

Nur wenige Modelle von überwiegend ausländischen Herstellern verzichten auf den bisherigen Klimakiller R 134a. Diese sind jedoch mit der im Falle eines Fahrzeugbrandes
lebensgefährlichen Chemikalie 1234yf befüllt. Angesichts der damit für den Autofahrer verbundenen Gefahren haben die Deutsche Umwelthilfe e.V. (DUH) und der Berufsverband
Feuerwehr e.V. heute auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin Alarm geschlagen und vor der Verwendung des neuen chemischen Kältemittels gewarnt.

 

Der Berufsverband Feuerwehr e.V. fordert, nach dem Motto „die Maxime Sicherheit geht vor Geschäft“ zu verfahren. Die von seinem Verband vertretenen 28.000 hauptberuflichen
Feuerwehrleute hätten immer noch den Eindruck, dass die Sicherheitsbedenken heruntergespielt werden. „Wir verlangen die Veröffentlichung von Testreihen und Sicherheitsanalysen
sowie neue Versuche unter realistischen Bedingungen“, erklärte Andreas Thöne, Vorstand des Berufsverband Feuerwehr e.V. „1234yf wird als Drop-In-Kältemittel angepriesen.
Ob die Fahrzeughersteller aber die Auflage erfüllt haben, entsprechende sicherheitstechnische Änderungen am Motorraum vorzunehmen, um die Gefahren nach einem Unfall
zu mindern, ist völlig unklar.“ Sollte im Brandfall nach Unfällen Fluorwasserstoff (HF) in nennenswerter Konzentration in die Umgebung geraten, sei Hilfe für Unfallopfer nur durch
Rettungspersonal in speziellen Schutzanzügen möglich. Thöne regte an, die mit dem Kältemittel 1234yf befüllten Pkw mit einem entsprechenden Gefahrenkennzeichen auszustatten.


Nach Beobachtung der DUH verzögern die Automobilhersteller seit Jahren die auch von der EU-Kommission geforderte Umstellung auf ein weniger klimaschädliches Kältemittel.
Die Autohersteller haben sich für den von Honeywell und DuPont entwickelten Chemiecocktail 1234yf als Ersatz für R134a entschieden, obwohl Autoklimaanlagen mit dem natürlichen
Kältemittel CO2 bereits bis zur Serienreife entwickelt sind. Doch mehr als ein Jahr nach der verpflichtenden Einführung klimaschonender Kältemittel steht das bislang einzige
chemische Ersatzprodukt 1234yf, aus dem im Brandfall in hoher Konzentration giftiger Fluorwasserstoff (HF) entsteht, nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung. Grund ist
ein in China gegen die dort in der Herstellung befindliche 1234yf-Produktionsstätte verhängter Baustopp. Er soll zurückgehen auf fehlende Entsorgungsnachweise für giftige und
umweltgefährdende Zwischenprodukte, die bei der Herstellung anfallen.


„Wer den bisherigen Klimakiller R134a mit dem im Brandfall akut lebensbedrohenden Chemiecocktail 1234yf ersetzen will, treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus“, sagt DUHBundesgeschäftsführer
Jürgen Resch. „Gerade die deutschen Autobauer haben vor Jahren versprochen, zukünftig auf chemische Kältemittel zu verzichten und fristgerecht alle
neuen Klimaanlagen mit natürlichen Kältemitteln zu befüllen. Wir fordern VDA-Präsident Matthias Wissmann dazu auf, Wort zu halten.“


Darüber hinaus kritisierte Resch, auf welcher Grundlage derzeit Typzulassungen für Fahrzeuge erteilt und damit EU-Klimaschutzvorgaben umgangen werden. Nach offizieller Auskunft
des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) gibt es für Ausnahmeregelungen keine Rechtsgrundlage. Dennoch erhielt die Mercedes-B-Klasse 2011 eine neue Typzulassung und
muss nach EU-Vorgaben mit einem neuen Kältemittel befüllt sein. „Automobilhersteller und Genehmigungsbehörden setzen sich stillschweigend über EU-Recht hinweg und lassen
zu, dass selbst neue Pkw-Modelle weiterhin mit R134a befüllt werden. Das ist ein Skandal“, sagt Resch. „Wenn es um deutsche Pkw-Nobelmarken geht, leben wir rechtlich
offenbar in einer Bananenrepublik.“

Der DUH-Geschäftsführer wirft den Autoherstellern vor, mit ihrer Fixierung auf die neue Chemikalie 1234yf bewusst auf Zeit zu spielen.

Damit hätten sie auch klare Entscheidungen der EU-Kommission ignoriert, die mehrmals erklärt hatte, dass sie bei der Umsetzung
der Vorgaben keine Verzögerungen über den 1. Januar 2011 zulassen werde. Das Kraftfahrt- Bundesamt (KBA) ist als zuständige Behörde für den Fall der Verletzung der EUweiten
Regelungen für Sanktionsmaßnahmen zuständig. „Wir verlangen von der Bundesregierung und den verantwortlichen Behörden, dass sie EU-Recht in Deutschland durchsetzen
und einen auf der Hand liegenden Rechtsbruch nicht stillschweigend dulden“, sagte Resch. Die Autoindustrie dürfe ihre Kunden nicht als Versuchskaninchen missbrauchen.
Stattdessen sollte sie die Sicherheit der Autofahrer vor ihre eigenen Profitinteressen stellen und auf das natürliche Kältemittel CO2 setzen.


Eine Auflistung der Pkw-Modelle, die 2012 mit dem Kältemittel 1234yf befüllt sein werden, sowie weitere Informationen finden Sie unter:
http://www.autoklimaanlage.info/de/presse/artikel/d52cd6373a826f000197fa51bdd1f1c4/pm.html

Hintergrund:
Die von dem chemischen Kältemittel 1234yf ausgehende Gefahr wird unterschiedlich bewertet. Aus Sicht der DUH geht es von Seiten der Befürworter vor allem darum, die Risiken
zu verschleiern. In einem Gutachten des TÜV-Rheinland wird der Chemikalie zwar Unbedenklichkeit bescheinigt. Wie die Gutachterorganisation zu ihrer Einstufung kommt,
ist jedoch völlig unklar, da die Grundlagen für diese Erkenntnisse verschwiegen werden. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) verweist in seinen Veröffentlichungen, die
1234yf als ungefährlich einstufen, auf eine entsprechende Erklärung des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), der die freiwilligen Feuerwehren vertritt. Dieser Verband wiederum
begründet seine Einschätzung mit der des VDA. Beide beziehen sich auf TÜVPublikationen, deren Grundlagen seit Monaten auch auf Nachfragen von Medien unter
Verschluss gehalten werden.
Für Rückfragen:
Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer Deutsche Umwelthilfe e.V., Hackescher Markt 4,
10178 Berlin, Mobil: 0171 3649170, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Eva Lauer, Projektleiterin PRO KLIMA bei der Deutschen Umwelthilfe e.V.,
Hackescher Markt 4, 10178 Berlin, Tel.: 030 2400867-76, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Andreas Thöne, Bundesvorstand Berufsverband Feuerwehr e.V., Sportallee 41,
22335 Hamburg, Tel.: 0177 7584232, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Daniel Eckold, Pressesprecher Deutsche Umwelthilfe e.V., Hackescher Markt 4, 10178
Berlin, Tel.: 030 2400867-22, Mobil: 0151 55017009, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

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Erste Reaktionen auf die Pressekonferenz:
http://www.n-tv.de/auto/Umwelthilfe-warnt-vor-1234yf-article5503681.html
http://www.abendblatt.de/ratgeber/article2188965/Deutsche-Umwelthilfe-Neues-Kaeltemittel-setzt-Flusssaeure-frei.html

Radio Link: Deutschlandfunk vom 15.02.2012
http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&broadcast=57971&datum=20120215&playtime=1329302760&fileid=906f7abb&sendung=57971&beitrag=1678217&/

Print:Focus Online vom 15.02.2012

Hochgiftiges Kältemittel gefährdet Autofahrer

Die Autoindustrie setzt in vielen neuen Modellen auf ein Kältemittel, das extrem giftig sein kann. Bei einem Unfall bringt es Opfer und Helfer in Gefahr. Dabei gäbe es eine einfache Lösung.

KlimaIm Fall eines Brandes setzt das in Autoklimaanlagen

eingesetzte Kältemittel 1234yf hochgiftige Flusssäure frei

und ist enorm klimaschädlich. Die Umwelthilfe forderte Deutschland auf,

endlich EU-Recht umsetzen und den Stoff abzuschaffen.

Das neue chemische Kältemittel 1234yf – von der Autoindustrie als Nachfolger des klimaschädlichen Mittels R 134a in Klimaanlagen favorisiert – sei leicht entflammbar und setze bei der Verbrennung hochgiftige Flusssäure frei, warnte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) am Mittwoch in Berlin. Nach einem Autounfall oder Motorbrand könnten somit Unfallopfer, aber auch Helfer in Gefahr geraten.

Auch der Verband der Berufsfeuerwehr schloss sich der Kritik an: Gegebenenfalls könne Hilfe künftig nur in besonderen Spezialanzügen geleistet werden, sagte Vorstand Andreas Thöne. „Wir verlangen die Veröffentlichung von Testreihen und Sicherheitsanalysen sowie neue Versuche unter realistischen Bedingungen.“

1234yf überschreitet Klima-Grenzwert fast um das Zehnfache
„Wer den bisherigen Klimakiller R 134a mit dem im Brandfall akut lebensbedrohenden Chemiecocktail ersetzt, treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Die Autohersteller hätten sich für das chemische Kältemittel 1234yf als Ersatz für das klimaschädliche R 134a entschieden, obwohl Autoklimaanlagen mit dem natürlichen Kältemittel CO2 bereits serienreif entwickelt seien, kritisiert die DUH.
Seit Januar 2011 ist die Einführung eines umweltfreundlichen Kältemittels für Klimaanlagen neuer Autos EU-weit vorgeschrieben. Doch nach wie vor kommt nach Recherchen der DUH in den meisten neuen Modellen das umstrittene R 134a zum Einsatz. Dessen Treibhauspotenzial-Wert von 1430 liegt aber weit über der erlaubten Marke von 150. Die Bundesregierung müsse EU-Recht in Deutschland endlich durchsetzen, forderte die DUH. Das neue Kältemittel bleibt deutlich unter dem Grenzwert.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 17. Februar 2012 um 09:42 Uhr
 

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