02
Nov
2011
Interview zwischen den Lübecker Nachrichten und dem Personalratsvorsitzender der BF Lübeck
Personalratschef Peter Tengler : „Natürlich wäre es schön, wenn wir mehr Frauen hätten“

tengler

Seit 19 Jahren arbeitet Peter Tengler bei der Berufsfeuerwehr Lübeck, im April wurde er zum Vorsitzenden des Personalrats gewählt.
Foto: Wolfgang Maxwitat

Lübeck - Personalratschef Peter Tengler spricht über die neuen Anwärter und die Härte der Tests. Auch das Überstunden-Problem und der Drogenverdacht bei der Feuerwehr sind Themen.

Lübecker Nachrichten: Diese Woche haben Sie die Kandidaten für die Feuerwehr-Ausbildung 2012 in Augenschein nehmen können. Wie ist Ihr Eindruck?

Peter Tengler: Es war schon enorm, aus insgesamt 276 Bewerbern 21 Kandidaten zu finden. Aber sie sind längst nicht durch. Jetzt kommt noch die Untersuchung durch den Amtsarzt.

LN: Haben sich auch Frauen auf die Stellen beworben?

Tengler: Ja, insgesamt sechs Frauen. Drei davon haben wir auch eingeladen – zwei sind allerdings nur erschienen, und beide haben die Anforderungstests leider nicht bestanden.

LN: Finden Sie es schade, dass es die Frauen nicht weiter geschafft haben?

Tengler: Natürlich wäre es schön, wenn wir mehr Frauen hätten – wir haben bereits zwei bei uns. Das zeigt, das es möglich ist.

LN: Sind die Anforderungen wirklich so hoch, dass viele scheitern?

Tengler: Wir haben Mindestanforderungen, die erfüllt werden müssen. Im schriftlichen Test ist es sicherlich schwierig, sich richtig vorzubereiten. Aber auf sportlicher Seite ist das möglich. Da sollte eigentlich jeder Bewerber schon vorher in der Lage sein, die Tests zu schaffen.

LN: Welche Anforderungen muss ein moderner Feuerwehrmann erfüllen?

Tengler: Abgesehen von der Fitness: Er sollte teamfähig sowie motiviert sein und einen handwerklichen Beruf erlernt haben, der ihm später feuerwehrtechnisch zugutekommen kann.

LN: Das heißt?

Tengler: Wir haben unter anderem Kfz-Mechaniker, Elektriker, Tischler, Polsterer, Metallberufe. Als Feuerwehrmann ist es häufig so, dass improvisiert werden muss. Das Schöne ist dann, wenn wir Kollegen mit handwerklichen Ausbildungen haben. So können wir uns in vielen Bereichen selbst helfen.

LN: Schafft man es auch ohne eine handwerkliche Ausbildung?

Tengler: Wir haben unter anderem auch Bewerber, die ausgebildete Rettungssanitäter sind. Die können bei uns dann wiederum in einer Art Kurzseminar handwerkliche Fähigkeiten erlernen. Die anderen machen in der Zeit dann regulär die Ausbildung zum Rettungsassistenten.

LN: Die Feuerwehr hat immer mehr zu tun, dementsprechend hoch ist die Arbeitsbelastung. Wie ist die Situation in Lübeck?

Tengler: Die Rettungsdienstzahlen sind enorm nach oben gestiegen. Da muss man sehen, wie es sich entwickelt. Wir haben zudem beispielsweise Kollegen in Elternzeit, Krankheitsausfälle, Kuranträge. Das sind unvorhersehbare Ereignisse. Die Arbeit müssen so lange andere mit übernehmen. Dann geht die Belastung natürlich nach oben. Wenn wir das nicht rechtzeitig auffangen können, haben wir ein Problem. Insofern freue ich mich über die fünf neuen Stellen, um die wir auch kämpfen mussten.

LN: Sind die aber nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Tengler: Wenn die angesammelten Mehrstunden nicht wären, könnte es vielleicht reichen. Aber so habe ich meine Bedenken. Immerhin müssen auch die vorhandenen Mehrstunden irgendwann zum Ausgleich kommen.

LN: Wie viele Stellen müssten realistisch neu geschaffen werden?

Tengler: Schwierig zu sagen. Dafür müsste ich aktuelle Zahlen haben. Die fünf neuen Stellen machen sich erst 2014 bemerkbar, wenn die Anwärter die Ausbildung abgeschlossen haben. In der Zwischenzeit bauen wir weitere Mehrstunden auf. Eventuell können wir es mit den neuen Kollegen eindämmen, die eigentlich für die Wache Kücknitz eingestellt wurden. Solange der Neubau nicht fertig ist, werden sie innerhalb der Wehr verteilt.

LN: Es gibt das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, ab 1996 nicht länger als 48 Stunden pro Woche zu arbeiten. In Lübeck galt noch bis 2006 die 54-Stunden-Woche. Wie sollen die enormen Überstunden jemals abgebaut werden?

Tengler: Das wird in Form von Freizeitausgleich nicht spontan geschehen können. Einige wenige Kollegen haben sich mit der Dienststelle darauf geeinigt, pauschal ihre Stunden als Block vor der Pension zu nehmen. Andere sollen wiederum versuchen, die Mehrstunden jährlich im Bereich des Machbaren abzubauen.

LN: Wie viele unvergütete Mehrstunden haben Sie bereits angesammelt?

Tengler: 2400 Stunden. Doch in meiner neuen Position als Personalratsvorsitzender ist es gar nicht möglich, plötzlich ein halbes Jahr zu Hause zu bleiben.

LN: Im August geriet die Lübecker Feuerwehr in die Schlagzeilen. Mitarbeiter sollen Drogen genommen und sogar mit ihnen gehandelt haben. Wie war damals die Stimmung innerhalb der Feuerwehr?

Tengler: Wir waren natürlich erschrocken und auch ziemlich erbost, weil dadurch das Ansehen der Feuerwehr in der Bevölkerung geschädigt werden könnte.

LN: Wird heute noch unter den Kollegen über das Thema gesprochen?

Tengler: Es mag sein, dass der eine oder andere Kollege sich noch darüber unterhält. Aber konkrete Beispiele sind mir momentan nicht bekannt.

LN: Könnte der Drogenkonsum ein Resultat der gestiegenen Arbeitsbelastung sein?

Tengler: Jeder Mensch verarbeitet Stress unterschiedlich, entweder körperlich oder psychisch. Dazu muss ich aber nicht unbedingt zu Drogen greifen. In Betrieben mit einer Vielzahl an Mitarbeitern kann jedoch immer einer dabei sein. Bei diesen Menschen handelt es sich um Kranke, die entsprechend Hilfe benötigen. Wer aber eine Straftat begeht, muss die Konsequenzen tragen.

LN: Gerade bei der Feuerwehr stellt es doch auch eine Gefahr dar, wenn Kollegen unter Drogeneinfluss zu Einsätzen fahren.

Tengler: Es ist noch gar nicht bewiesen, dass hier jemand Drogen wann oder wo genommen hat – es gibt bisher nur den Verdachtsfall. So lange der nicht bestätigt ist, werde ich keinen Kollegen beschuldigen.

LN: Haben Sie eigentlich neue Erkenntnisse in dem Fall? Es ist in letzter Zeit sehr ruhig.

Tengler: Ich bekomme erst dann neue Informationen, wenn das Verfahren abgeschlossen ist. So lange kann ich dazu aber nichts weiter sagen. Die Kollegen fragen mich allerdings auch regelmäßig, ob es Neuigkeiten gibt.
Quelle: Text, Lübecker Nachrichten 30.10.2011

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 03. November 2011 um 09:08 Uhr
 

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